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Ich gebe zu, ich bin neugierig und aufgeregt zugleich. Die Firma "Söllner Traffic-Center GmbH" ermöglicht es mir, jene Wirklichkeit einmal hautnah mitzuerleben, die uns sonst am Schreibtisch und im Gerichtssaal beschäftigt. Mein Freund Thomas Böhm, Mitgeschäftsführer und Sicherheitsbeauftragter der Söllner Traffic-Center GmbH, hat mir einen erfahrenen Trucker zugeteilt. Reiner Zufall: Er heißt auch Peter, hat 30 Jahre Berufserfahrung und geht an diesen Knochenjob mit einer Leichtigkeit, die ich schon in den ersten Stunden nur bewundern kann. Immerhin hält bereits der Montag ein biorhythmisches Chaos bereit.
Es geht nach Hilden. – Himmel, wo liegt Hilden? Mit unserem nagelneuen, roten Renault Magnum bringen wir 150.000 Leerflaschen für Parfüm ins Rheinland. Wer weiß, ob einige davon nicht irgendwann auch in Weimar landen. Nach dreieinhalb Stunden: Kaffeepause. Unser Lastzug mit Einachshänger ist noch jungfräulich, hat also auch noch keine Kaffeemaschine an Bord. Mir wird schlagartig bewusst, was der Autobahn-Preis von 2,80 Euro pro Tasse für einen Lkw-Fahrer bedeutet.
"Wir können uns noch mal aufs Ohr hauen", sagt Peter. "Vor acht ist hier nichts mit Abladen." Doch ich kann noch nicht schlafen und stiefele durch Hilden. Natürlich, Rheinland, katholisch und karnevalverrückt. Geöffnet haben heute nur die Bäcker. In den anderen Schaufenstern hängen Zettel: Altweiberfastnacht bis 15 Uhr geöffnet, Rosenmontag geschlossen.
Als ich wieder bei Peter bin, ist der dabei, die Flacons zu entladen. Der Fahrer? Ja, der Fahrer. Ich erfahre, dass es sich selbst in Speditionen zu einer Selbstverständlichkeit entwickelt hat, dass diese Arbeit von den Fahrern erledigt wird. Klar, es gibt Hilfsmittel, aber es bleibt noch weniger Ruhezeit, noch mehr auf die Knochen. Abgesehen davon halte ich es versicherungstechnisch für sehr bedenklich.
Es geht weiter. Kaffee bei Montabaur. Wieder 2,80 Euro. Unser nächstes Ziel ist Erkelenz bei Mönchengladbach. Wir laden Eistee und andere Getränke. Bis 15 Uhr können wir noch fahren. Das reicht bis zum Rasthof "Lippethal" am Kamener Kreuz. Jetzt warten elf Stunden Zwangsruhe. Erst 2 Uhr am Dienstag dürfen wir wieder rollen. Ich bin so aufgedreht, dass ich 18 Uhr noch immer nicht schlafe. Peter hat offenkundig mehr Routine. Als er auf seiner Liege oben, hinter den Sitzen, längst eingeschlafen ist, wälze ich mich auf meinem provisorischen Lager unten hin und her. Dienstagvormittag sind wir in Berlin. Wohin es dann geht, wissen wir noch nicht.
Dienstag, 18 Uhr.Kurz nach dem Dunkelwerden schon schlafen gehen, das liegt mir offenbar nicht. Ich stehe wieder auf und setze mich in die Autohof-Gaststätte. Die Trucker sind gesprächig. Ich freue mich, dass sie mich nicht abblitzen lassen. Wir bleiben beim Transportwahnsinn hängen. Man glaubt es nicht, aber die Berufskraftfahrer sind sehr realistisch. Sie sehen, was Tag für Tag auf Deutschlands Autobahnen abgeht, und wissen: Dieser Transportwahnsinn wird nicht ewig dauern. Auch sie bemerken in ihrem Umfeld Menschen, die landwirtschaftliche Produkte aus der Region kaufen und darauf achten, dass Ware nicht um die halbe Welt gekarrt wird. Für Trucker ist solches Denken eigentlich geschäftsschädlich. Aber wie gesagt, ich habe sehr realistische Menschen kennengelernt.
Ohnehin: Wer sagt denn, dass alle Trucker gleich sind? Schon von der Statur her. Der eine braucht zwei Barhocker und sicher auch einen speziellen Sitz, der andere ist so schmal, dass er einem richtig leid tut. Irgendwann hatte ich die 36 Stunden ohne Schlaf voll. Und ich wurde doch müde.
Mitternacht. Noch zwei Stunden bis zum Aufstehen. Ich lege mich hin und bin sofort weg. Nach einer 3/4 Stunde schrecke ich hoch. Panik: Wo bin ich? Zum Glück beruhigt mich Peter gleich. Nur aus Solidarität stehe ich wenig später mit Peter wieder auf. Obwohl es mir schwerfällt. Kaffee und los. Nach spätestens 15 Minuten bin ich eingeschlafen.
Eine Stunde Zeit zum Duschen. Ja, Duschen. Zum ersten Mal in meinem Leben nutze ich einen Waschraum auf einem Autohof: Wo sind die Duschräume? – Da lang, und den Schlüssel hier lassen. ??? Pfand. – Ich erkläre meine Situation und darf statt des Zünd- den Kanzleischlüssel dalassen.
Die Benutzung ist gewöhnungsbedürftig. Aber immerhin, alles ordentlich, Wasser und Luft warm. Wer nach neun Sekunden aber nicht den Knopf drückt, steht im Trockenen. Noch rasieren, einen Capuccino mit Extra-Espresso. Es geht weiter. Kilometer fressen.
Mittwoch, 6 Uhr, A2 bei Braunschweig.Fast ein wenig verschlafen. Während Peter (Foto) den Wagen startklar macht, laufe ich zur Tankstelle. Kaffee holen: Zwei Cappuccino XXL machen 7,00 Euro. Ich bringe die Schätze zum Lkw. Peter hat mittlerweile festgestellt, dass wir richtig blöd eingekeilt wurden. Wir kommen kaum raus. Der Rastplatz ist proppenvoll. Da geht kein Fiat 500 mehr drauf. Peter schafft es mit stoischer Ruhe und viel Geschick aber doch auszuparken. Überhaupt bewundere ich seine Fahrkünste von Anfang an: Immerhin nennt sich unser Gespann Tandemzug. Jedesmal nach dem Auf- oder Abladen muss der Lkw sozusagen blind und millimeter genau zurückgesetzt werden, damit die Deichsel genau das Maul der Anhängerkupplung trifft. Das klappt jedesmal auf Anhieb. Hut ab.
Auf dem Rastplatz bei Braunschweig stehen fast nur Lkw mit osteuropäischen Kennzeichen. Deshalb wird die A2 in Truckerkreisen auch "Warschauer Allee" genannt. Und genau die fahren wir jetzt bis kurz vor Dortmund und dann wieder ins Rheinland. Die Disposition hat angekündigt, dass wir dann wieder nach Berlin müssen. Hoffentlich haben die noch ein Einsehen. Das wäre stinklangweilig, die selbe Stecke sofort zu wiederholen. Aber als Trucker kansst Du Dir Deine Strecke eben nicht aussuchen.
Mittlerweile wird es hell auf der A2. Der Sturm hat sich gelegt. Kein Regen mehr. Der Tacho zeigt mal 82 mal 79. Ich habe Peter gefragt, wie es zu den Elefantenrennen kommt, die die Pkw-Fahrer immer mal aufregen. Ob das sein müsse. Die Antwort fällt knapp aus: "Vollidioten sollte man den Führerschein abnehmen", grummelt er genervt, aber in der Stimme sind drei Ausrufezeichen. Klar, kapiert. Weitere Fragen zu dem leidigen Thema bitte nicht. Peter hat es satt, dass alle über einen Kamm geschoren werden. Schwarze Schafe gibt es überall. Auf meiner Fahrt ist uns aber noch keins begegnet. Ich achte besonders darauf, aber gravierende Verkehrsstöße habe ich bislang ebenfalls nicht beobachtet. Vielleicht ist das doch eine Frage des Blickwinkels – und der ist von oben, aus dem Fahrerhaus ein anderer.
Donnerstag, 26. FebruarWir halten am Autohof in Mellingen, und es hätte der absolute Verwöhntag werden können. Doch der Tag zuvor und die Stunden danach... In Mellingen aber ist Wohlfühlzeit. Frau Appenroth und ihr Team kümmern sich wunderbar um uns. Duschen, Frühstück – das Umfeld stimmt. Dabei war die Nacht zuvor ein Graus. Der Rasthof in der Nähe von Kassel war ein Graus. Er machte mir schlagartig bewusst, dass es mehr braucht, als ein Trucker-Restaurant und saubere Sanitärräume. Immer, wenn wir gerade dahingedämmert waren, sprang zwei Fahrzeuge weiter das Aggregat eines Kühlzuges an. Wer es mit der Lenk- bzw. Ruhezeit ernst meint, der müsste eigentlich Sonderstellplätze für solche Fahrzeuge vorschreiben. Gegen den Schreck, den das Kühlaggregat immer wieder bei mir auslöste, war selbst der Lastzug mit den permanent quiekenden Schweinen noch erträglich. Über notwendigen Schutz für Trucker hatte ich schon im Autohof-Gasthaus mit Rene, Andi und Tobi gefachsimpelt. Drei ganz unterschiedliche Typen, aber ehrlich und voller Erfahrungen. Als ich ihnen von unseren drei Mittwoch-Ladestellen im Großraum Mönchengladbach erzählte, lächelten sie süßsauer. Sollte wohl heißen: Ja, so isses. Ruppiger Ton, kleine Könige im Glaspalast. Toiletten ohne Brille, Duschen ohne verschließbare Tür, keine Duschköpfe, blankes Rohr, und alles so verdreckt, dass einem die Lust vergeht. 15 Uhr waren wir ladefertig und hören: Geht nicht, die Ladung ist noch nicht da. Wenn ihr Glück habt, kommt sie bis 18 Uhr. Dann ist Feierabend, morgen 8 Uhr geht's weiter. Macht Platz. – Wir hatten Glück 17. 30 Uhr war die Ladung bereit. Aber den kleinen König, den gab's öfter an diesem Tag. Etwa in diesem Lager eines großen Lebensmittel-Discounters. Alles abgeschottet, Werksschutz, wie früher an der innerdeutschen Grenze. Es gab zwar einen Aufenthaltsraum für die Fahrer, aber dort hatte man die Sitzgelegenheiten vergessen. Ein Cola- und ein Kaffee-Automat, dreckige Wände – sonst nichts. Warum kümmert sich niemand von den Lenkzeitfetischisten um so etwas? Warum sich die Betroffenen darüber nicht beschweren? Die Fahrer sind froh, einen Job zu haben. Die Spediteure froh über jeden Kunden. Da schluckt man so manches. Peters Chef hat heute berichtet, dass in Franken eine Spedition 28 Fahrzeuge stillgelegt hat. Bei Peters Firma standen Donnerstag zehn – der Frachtmarkt liegt am Boden. Das ganze Gegenteil erleben wir Donnerstag in Dresden. Wir laden 30 Paletten Sonnenkollektoren. Solarwatt hat ein neues Firmengelände – und auch an die Trucker gedacht. Die Beladung wird erstmals in den vier Tagen, die ich miterlebe, von Lagerarbeitern übernommen. Die sind gut drauf und freundlich obendrein. Auch eine Seltenheit in den Logistik-Zentren, die ich kennenlernte. Und die Sanitäranlagen sind eine Augenweide. So hätte der Tag noch ein gutes Ende nehmen können. Wenn, ja wenn wir nicht kurz hinter Dresden mit unseren 30 Paletten und dem nagelneuen Renault-Truck liegengeblieben wären. Ein Luftschlauch hat den Geist aufgegeben. Wir stehen auf dem Randstreifen. Die erste Polizeistreife droht nur und fährt weiter. Die zweite hat auch ein Warndreieck übrig, das sich bei uns nicht aus dem Staufach holen lässt, weil der Deckel klemmt. Sie zünden sogar eine Fackel und verzichten auf die eigentlich fälligen 30 Euro. Nach 90 Minuten hat die Pannenhilfe unseren Schlauch geflickt. Statt bis Hof, rollen wir nur noch bis zum nächsten Rasthof. Ein Parkplatz, der von der Fahrbahn abgewandt ist. Wenigstens noch eine gute Nachricht am Ende dieses verrückten Tages.
Freitag, 6 Uhr, Dresdener Tor.
Zum ersten Mal bin ich vor Peter aufgestanden. Eine Runde joggen um den Autohof, das macht munter. Beim Kaffee merke ich, dass sich mein Blick auf das Umfeld verändert hat: Ein A8 hält vor dem Fenster, und ich überlege, was DIE da wohl tun. Ich unterscheide zwischen Die und Wir. Das ist ein Perspektivwechsel.
Es geht weiter. A4, A72, Bundesstraße. Am späten Vormittag sind wir mit unseren Sonnenkollektoren in Bad Staffelstein. Sehr angenehm. Ein freundlicher Lagerchef. Das Ringsherum stimmt. Leider steht unsere Anschlusslieferung in Sonneberg nicht bereit. 18 Uhr, hören wir am Telefon, eher wird dort mit ihr nicht gerechnet. Es kommt noch dicker. Als wir weiter wollen, passt der Sicherungssplint für das Gelenk zwischen Zugmaschine und Hänger nicht. - Gestern der Luftschlauch, heute das. - Vor, zurück, zur Seite, ran. Es dauert ewig. Irgendwann passt er doch. Aber die Manöver zählten alle als Lenkzeit. Jetzt haben wir noch neun Kilometer Lenkzeit. Das reicht nur noch, um einen Parkplatz zu suchen und den Lastzug wochenendfertig zu machen. Matten ausschütteln, persönliche Sachen rausholen. Duschen. Wie lange läuft die Dusche hier für zwei Euro? 40 Liter. Ich bin nach 17 Litern raus. Unzumutbar, dieser Duschraum.
Wir lassen uns abholen. Peter Welscher wird Samstagmorgen zurück kommen, nach Sonneberg fahren, laden und dann den Truck daheim parken. Wenn er fertig ist, bleibt ihm noch ein Tag vom Wochenende.
Eine Woche im Truck. Mein erstes Fazit: Ich habe durchaus Antworten auf meine Fragen bekommen. Etwa jene, dass viele Abstandsvergehen erst durch die Abstandsmessungen verursacht werden. Dann nämlich schiebt sich die Kolonne zusammen. - Die Politik muss sich endlich der Arbeitsumstände der Trucker annehmen. Wer einen ganzen Berufsstand mit Regeln überzieht, der muss auch dafür sorgen, dass diese eingehalten werden können und die Ruhezeiten ihren Zweck erfüllen. Ich denke an die Lagerarbeiten und daran, dass auf den Lkw-Parkplätzen oft schon 19 Uhr der Platz nicht mehr reicht. - Im Moment bin ich so randvoll mit Eindrücken, dass ich alles erst einmal setzen lassen muss. Meine Achtung vor den Truckern aber ist in dieser Woche mächtig gestiegen.
Quelle: Thüringer Allgemeine
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